Dead man walking


02.04.2011

Von Gokyo nach Dragnag, 100 Hoehenmeter tiefer war der Plan fuer heute. Was mich auf die Idee gebracht hatte, es wuerde sich dabei um einen gemuetlichen Morgenspaziergang handeln, kann ich nicht ganz genau sagen, aber das war meine Erwartungshaltung. Vor meinem geistigen Auge schlaengelte sich ein leise murmelndes Baechlein durch eine gruen bemooste Huegellandschaft talauswaerts.

Dann das: Gleich hinter der Lodge ein steiler Anstieg ueber das Geroellfeld einer Moraene, hinunter ueber etwas, das aussah wie die Abraumhalde eines Stahlwerks, weiter durch ein Gletscherfeld und gleich wieder hinauf. Nach wenigen Minuten war ich platt. Noch dazu schaute wie zum hoehnischen Gruss auch Montezuma wieder einmal auf einen Sprung vorbei. Aber es waren ja nur drei, fuer mich vier Stunden.

In Dragnak angekommen war allen klar, ich wuerde das ambitionierte Programm der naechsten vier Tage, mit zwei weitern Krachern ueber fuenfeinhalb Tausend Meter, nicht mitmachen koennen. Ich akklimatisierte mich zwar gut, konnte mich aber in dieser grossen Hoehe nicht mehr erholen.

Die Folge: wir mussten uns trennen. All jene, die 8.000 Meter und mehr anstreben, sollten ihr toughes Akklimatisierungsprogramm durchziehen, ich hingegen wuerde in den naechsten Tagen mit einem Sherpa und einem Traeger 1.000 Hoehenmeter absteigen um mich zu erholen.

Ich war erleichtert und vier Tagen wuerden wir einander ja wieder treffen. Es bleibt nur die Frage, wie werde ich auf den Abstieg reagieren und welche Plaene hat Montezuma?

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Das Ziel ist das Ziel!


31.03.2011

An diesem Morgen war mir schon bevor ich die Augen oeffnete klar, dass mir der koerperlich anstrengendste Tag meines Lebens bevorstehen wuerde, deshalb liess ich sie vorsichtshalber auch eine ganze Zeit lang weiter geschlossen.

Von Lumde, ueber den Renji Pass nach Gokyo.
1.000 Hoehenmeter hinauf, 600 hinunter.

Mein Plan: rauf – runter -fertig.
Das Ergebnis: rauf -fertig -runter – fix&fertig.

Alles hatte damit begonnen, dass der Durchfall der letzten Tage meine ohnehin nur unzureichenden Kraftreserven massiv angegriffen hatte. Zu einer guten Akklimatisierung muss ich aber grosse Hoehen ueberwinden. Und so startete ich in den Tag der Leiden mit leeren Batterien. Schon nach wenigen Schritten war mir klar, diese Herausforderung wurde ich niemals mit den Beinen, sondern ausschliesslich mit dem Kopf bewaeltigen koennen.

Keinen Moment durfte ich den Fettstoffwechselbereich meines Koerpers verlassen und den nicht vorhandenen Kohlenhydratspeicher angreifen. Trotzdem war nach nichteinmal zwei Stunden voellige Leere in meinen Oberschenkeln. Theo versuchte mich mit einem Wundermittel, das noch nicht im Verkauf erhaeltlich ist, wieder auf die Beine zu bringen und tatsaechlich, fuer eine gute Stunde hatte ich Kraft und sogar Spass am Gehen.

Doch dann begann sich der Pfad immer steiler und steiler nach oben zu winden. Mit winzigen Schritten versuchte ich mit den letzten Kraftreserven hauszuhalten, doch wie eine unueberwindliche Mauer aus Stein stand der Renji Pass vor mir.

Ich musste mich irgendwie ueberlisten, sonst wuerde ich es nie schaffen. Positive Gedanken sind der Schluessel zu allem dachte ich mir! Zuerst dachte ich an Sex, aber das war allzu schnell vorbei. Dann die naechsten Stereotypen: Sonne, Meer, Sandstrand – auch schnell langweilig. Waehrend ich auf meine staubigen Wanderschuhe starrte, die sich in Trippelschritten nach oben bewegten, machten sich meine Gedanken selbstaendig.

Das Bild war dasselbe wie zuvor, staubige Bergschuhe die sich vorwaerts quaelten, doch der Untergrund hatte sich veraendert. Es war dieses blaugraue Linoleum, das ueber tausende Kilometer in Krankenhaeusern und Seniorenheimen verlegt ist. Ploetzlich hoere ich von hinten das Tapsen nackter Fuesse auf ebendiesem Linoleum, begleitet vom regelmaessigen Quietschen eines unwuchten Rades.
Da kommt auch schon ein Greis mit seiner vierraedrigen Gehhilfe an mir vorbeigeschossen, schneidet mich, sodass ich in meinem konstanten, konzentrierten Schritt innehalten muss und verschwindet mit einem zahnlosen Grinsen in der Tuer des naechsten Schwesternzimmers. Beim um die Ecke schlittern oeffnet sich das schlecht geknuepfte Nachthemd und entbloesst einen bleichen, eingefallenen Maennerarsch, dem auch Jahrzehnte von Bauch, Bein, Po zu keiner bleibenden Gestalt verhelfen konnte. Was die duenne Luft mit dem menschlichen Gehirn so alles anstellt…

Ich schrecke aus meinen Gedanken hoch, wieder steht mir ein Aufstieg ueber diese giftigen Steinstufen bevor, die mir das Letzte abverlangen. Sie sind so hoch, dass ich mich nicht einfach vorbeischwindeln kann, jede Stufe fordert ihren Tribut.
Seit diesem Morgen begleiten mich, wie zwei Schutzengel, Tsandra und Ngima, der ein Sherpa traegt meinen Rucksack, der andere ist immer in Griffweite hinter mir, falls ich stolpern, oder straucheln sollte.

Nach sieben Stunden ist es soweit: ich habe es fast geschafft, ich bin auf mehr als 5.300 Meter Seehoehe, nicht einmal 100 Meter unter dem Pass.

Doch dann steht sie vor mir: schier unueberwindlich die „stairway to heaven“ weit mehr als 150 Stufen. Ich bin verzweifelt.

Tsandra und Ngima schmieren mir ein Ciabatta mit Honig: „it’s good for the legs“ sagen sie aufmunternd, doch ich brauche viel mehr als als etwas Teig und Honig um diese Stufen zu ueberwinden.

In meiner Verzweiflung keimt ein Gedanke in mir: ich koennte es so wie mit meinen Kindern machen, als sie noch ganz klein waren und partout nicht essen wollten: Ein Loefferl fuer den Papa, ein Loefferl fuer die Mama – nur eben andersrum.

Das Ergebnis ruehrt mich fast zu Traenen: Philipp und Sophie bringen mich jeweils ueber 25 Stufen, voellig erschoepft und mit rasselndem Atem bleibe ich stehen. Dann sind der Rest der Familie und spaeter Freunde dran. Es ist faszinierend wie weit micht der Eine oder wie wenig weit mich die Andere bringt. Der Fairness halber muss ich sagen, dass die Stufen unterschiedlich hoch sind.

Und nein, ich werde jetzt kein Ranking veroeffentlichen.

Als ich den Pass erreicht habe, ist keine Rede von der angeblich so herrlichen Aussicht, im Nebel sehe ich keine 20 Meter, aber ich bin der gluecklichste Mensch der Welt.

Der Abstieg von drei Stunden geht wie von selbst. Als ich mein Zimmer betrete, liegt mein Schlafsack bereits ausgebreitet auf dem Bett.

That’s teamspirit.

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Land der Berge…


30.03.2011

… von wegen! Am „Dach der Welt“ verschieben sich die Dimensionen. Es ist Fruehjahr und in Thame werden Kartoffel gepflanzt. Nichts besonderes? Thame liegt auf 3.800 Meter Seehoehe, es ist also gerade so, als ob wir am Gipfel des Grossglockners Erdaepfel anbauen wuerden.

Wie gesagt, hier ist alles weiter hoeher und groesser und der Aufstieg nach Namche Bazar war mir eine Lehre! Nachdem sich an diesem Tag bestenfalls mein morgendlicher Ruhepuls im anaeroben Bereich befunden hatte, galt es ein dem Himalaja adaequates Herangehen zu finden – es war die Wiederentdeckung der Langsamkeit. Schritt um Schritt, Meter um Meter, egal ob die Kollegen bereits um die naechste Ecke verschwunden sind, oder sich hinter mit die Hochtraeger mit 35 Kilo auf dem Buckel fadisieren.

Ich muss damit Leben lernen, dass ich ohne schlechtes Gewissen als „moving trailblock“ im Weg bin. Und noch etwas gilt es zu lernen, etwas von dem ich dachte, dass ich zumindest das Eine seit fast 50 Jahren tadellos beherrsche, atmen und gehen.

Ich habe jetzt mein Mantra gefunden: Schritt, um Schritt, Atemzug um Atemzug, Schritt, um Schritt …

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Beste Freunde I


Explicit! Nichts fuer schwache Nasen!

Der geneigte Leser moege sich folgendes Szenario vorstellen: Ein Raum, zweieinhalb mal drei Meter, hinter den beschlagenen Scheiben Namche Bazar, aber das tut nichts zur Sache. In diesem Zimmer zwei maennliche Individuen, eines jenseites der 80, das andere jenseits der 90 Kilogramm Klasse. Beide niedergestreckt von Montezumas Rache, wobei sich die Frage stellt, was eigentlich ein aztekischer Gottkoenig in Nepal verloren hat.

Ihr Verdauungssystem von Montezumas Gift befeuert liegen sie nun da und haben ploetzlich mit der unglaublichen Synchronitaet ihres Stoffwechsels zu kaempfen. Nachdem dem Wirken des Gottkoenigs mit Cyproxin Einhalt geboten und sein Wueten mit Imodium gestoppt wurde, bleibt olfaktorisch wahrlich schauerliches zu berichten.

Es ist ein Ambiente, in dem nur beste Freunde ueberleben koennen! Die Werte in diesem 18,75 Kubikmeter fassenden Labor liessen die Augen jedes Flatologen vor  Glueck erstrahlen. Da nimmt einen auch die Farbe der Waende nicht weiter wunder.

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Beste Freunde


Bei der Auswahl seiner besten Freunde muss man waehlerisch sein, genau abwaegen und sich dann von seinem Instinkt leiten lassen.
Doch es gibt Momente im Leben, da wird man von seinen Gefuehlen einfach ueberrollt. Nach dem Aufstieg nach Namche Basar, das sind ca. 1.200 Hoehenmeter an einem Tag, und einem zuerst nicht zu uebehoerenden Grummeln im Bauch, gefolgt von den bekannten Auswirkungen, hatte ich ploetzlich zwei neue beste Freunde. Sorry Sepp und Martin, tut mir leid Fritz, aber Klopapier Schlafsack stehen mir, und das nun seit Stunden, naeher!

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Lightweight


Wanderstoecke aus Karbon, der Rucksack mit einem superleichten Spezialtragesystem und bei den Steigeisen kein Gramm zuviel! Leightweight, Leightweight, Leightweight ist das Mantra des Sportartikelfachverkaeufers. Wenn du im Himalaya ueberleben willst, zaehlt jedes Gramm.So hatte ich mich mit allem eingedeckt was nichts wiegt – und natuerlich nur mit Markenware.
In Lukla, jenem sagenumwobenen Ort, der nur zu Fuss, oder mit dem Flugzeug erreichbar ist, sehe ich sie zum ersten Mal, Sherpas, jene Hochtraeger, die  das Hoehenbergsteigen erst moeglich gemacht haben. Und wie sie tragen! Eine dieser Lasten wiegt mehr als 110 Kilogramm – so viel zum Thema Gewicht sparen und jedes Gramm zaehlt.

Auch die Auswahl der Schuhe ist eine Wissenschaft hatte der Verkaeufer gesagt: Einen Expeditionsschuh um 700 Euro fuer den Mount Everest, einen steigeiesenfesten Bergschuh fuer die kleineren Berge und natuerlich einen leichten Trekkingschuh fuer die tieferen Lagen.

Und was traegt ein Sherpa mit 110 Kilo auf dem Buckel, oder besser gesagt auf der Stirn?

 

 

 

Badeschlapfen.

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Der erste Blick


Groß und mächtig, Ehrfurcht gebietend – das sind die ersten Gedanken als der Himalaja unter meinem Flugzeug auftaucht. Und dann er, der Berg der Superlative – der Mount Everest. Und da will ich hinauf?

Auf einen Berg, der die Wolken durchstößt und an dessen Flanken die Jet-Streams heulen, jene Starkwindbänder, denen es sonst vorbehalten ist Flugzeuge schneller über den Atlantik zu tragen, oder für stundenlange Verspätungen im Flugverkehr zu sorgen. Dort hin, wo Sturm und Berg einander treffen, da will ich hinauf?

Als ich den Blick vom Bordmagazin hebe und aus dem Flugzeugfenster schaue, verliert er sich im weißen Nichts. Meine erste Begegnung mit dem Mount Everest bleibt auf eine Annonce der Buddha Air beschränkt. Was ist das für ein Berg, dessen Anblick schon solche Emotionen auszulösen vermag?

Nach den Weiten der Antarktis verspüre ich abermals so etwas wie Demut. Wie wird es wohl sein, ihm erstmals wirklich gegenüber zu stehen?

Mir bleibt ein Monat, dann ist es soweit.

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