Mount Everest Basecamp


Das Basislager auf tibetischer Seite, auf 5.160 Meter über dem Meeresspiegel, sieht aus wie eine große, kalte Schottergrube. Gleich nach dem letzten, der unzähligen Schlagbäume zwischen der nepalesischen Grenze und dem Basecamp tut sich diese Schotterwüste auf. Sie sieht aus, als hätte sich hier ein von allen guten Geistern verlassener Fahrer einer Planierraupe über Monate selbst verwirklicht. Tatsächlich hat diese Arbeit vor einigen Jahrtausenden der Rombukgletscher erledigt. Auf dieser Ebene sind, wie kleine Farbkleckse, die Zelte der Expeditionsausrüster verteilt. Dicht an der Moräne drängen sich die Zeltdörfer der kleinen Expeditionen, während sich die Platzhirschen mit ihren Zeltstädten mitten auf dem Plateau breit machen.

Heuer scheint es einen Trend zum Gigantismus zu geben: Seven Summits wartet mit einem Kuppelzelt auf, in dem ein Tischtennistisch zu körperlicher Bewegung einlädt. Relaxen ist hingegen in Kari Koblers Superdome angesagt, in diesem wahren Monster von rund fünf Meter Deckenhöhe kann man aus zwei bequemen Liegestühlen, die vor der langen Tafel gruppiert sind, einen Blick auf den Mount Everest werfen. Ganz im Westen hat sich das Expeditionsteam der Britischen Armee nach alter britischer Tradition seinen Platz gesichert und schirmt sich mannhaft mit einem Seil gegen die nicht vorhandene Nachbarschaft ab. Was allen zu schaffen macht ist das Wetter, denn das ist alles andere als stabil: morgens taucht die Sonne das Basislager in gleißendes Licht um dann den Vormittag über gnadenlos vom blauen Himmel zu brennen. Gegen drei Uhr nachmittags trübt es sich dann ein und es beginnt zu schneien. Die Schneeflocken trommeln wie ein heftiger Sommerregen auf das Zelt, der Wind zerrt an der Verspannung und am nächsten Morgen beginnt das Spiel von Neuem. Das Basislager ist voller Zelte, doch Menschen sind hier kaum zu finden, die meisten sind bereits im ABC, im Advanced Basecamp, also im vorgeschobenen Basislager rund 1.200 Höhenmeter weiter in Richtung Gipfel.

Die Bergsteiger die man hier trifft, scheinen von einer inneren Unruhe um nicht zusagen Rastlosigkeit getrieben, alle wollen möglichst schnell möglichst hoch hinaus. Akklimatisierung ist etwas für die anderen, ein Ruhepuls von 90 macht nichts, morgen weiter ins ABC, noch nie mit Steigeisen unterwegs gewesen – gleich hinter dem Superdome gibt es ein Schneefeld zum Üben. Ich fürchte, wir werden sie alle wiedersehen.

Advertisements
Veröffentlicht unter Uncategorized | Verschlagwortet mit , , , , , , , , | 1 Kommentar

Der Wert des Huhns …


Lange Autofahrten verleiten dazu sich in philosophisch/theologisch tiefschürfende Gedankengänge, je nach Disposition zu versenken, oder zu versteigen. Vor allem Fahrten über enge Bergstraßen in den Ländern rund um den Himalaja beflügeln solche Gedanken. So verwebt sich Gewusstes mit Angelesenem und Aufgeschnapptem, um als kaum wieder auflösbare Alltagstheorie tief im Inneren abzusedimentieren.

Ich neige, nach eingehenden Erfahrungen in Zentralasien, der Alltagstheorie zu, dass das Fahrverhalten von Autofahrern vom Religionsbekenntnis der Mehrheitsbevölkerung bestimmt wird. Gehört der Großteil der autofahrenden Menschen einer Religion an, bei der man es sich durch plötzliches Ableben nur verbessern kann, dann Gnade Dir, als Bei- oder Mitfahrer, Gott – welcher auch immer gerade zuständig ist.

Eben diese gelassene Distanziertheit dem eigenen Weiterleben gegenüber kann sich ganz schön auf die Magennerven des am Leben hängenden Katholiken, oder Atheisten schlagen. Die einen haben noch einiges zu erleiden, damit sie anschließend für des Lebens Mühsal belohnt werden, und die Zeit der anderen ist ohnehin kurz bemessen – eine Chance auf Verlängerung, oder gar eine zweite Halbzeit gibt es ja nicht.

Und so entsteigt man jedes Mal mit großer Erleichterung den Höllengefährten die über steile Abhänge schießen, in unübersichtlichen Kurven überholen und so manches mit bis zu 6 Personen besetztes Motorrad an den Abgrund drängen – und ist froh, dass sich der Fahrer und sein unvermeidlicher Assistent nur über den Wert des überfahrenen Huhns unterhalten.

Veröffentlicht unter Uncategorized | Verschlagwortet mit , , , , , , , , | Kommentar hinterlassen

Zivilisation …


Nach drei Wochen Abgeschiedenheit und ganz nah an der Natur sehne ich mich wieder nach Zivilisation.
Lärm, Abgase, Menschengewurl, hupende Autos und Motorräder, blinkende Neonreklame – endlich wieder auf vertrautem Boden und keine kalten Füsse.

Dass uns auch Montezuma gleich zu Beginn mit einer heftigen Umarmung begrüßen würde, war eigentlich nicht ausgemacht, aber was nimmt man unter dem Rubrum Zivilisation nicht alles in Kauf.

Thamel, das Touristenviertel in dem wir in Kathmandu wohnen, versprüht einen ganz besonderen Charme. In vielen der winzigen Ladengeschäften sitzen Männer, die mit ihren antiquarischen Nähmaschinen in atemberaubenden Tempo T-Shirts mit den abstrusesten Motiven besticken. Yak Yak Yak – Greetings from Nepal, reimt sich zwar nicht besonders, schaut aber lustig aus.

Aus dem Geschäften nebenan dringt intensiver Räucherstäbchengeruch, hier kann man aus mehr als 200 Sorten dieser zweifelhaften Luftverbesserer wählen und ein paar Meter weiter gibt es echten Himalaja-Honig. In den Shops dazwischen dominiert gar nicht so echte Markenware aller Trekking- und Bergsportausrüster dieser Welt.

Damit der Übergang in die Bequemlichkeit der Zivilisation nicht allzu abrupt vor sich geht, dafür sorgt die tägliche Stromunterbrechung – zum notgedrungenen Energiesparen – von 14 Stunden. In Kombination mit einem Zimmer im 4. Stock bleibt so auch der Trainingseffekt unserer Solo Khumbu Tour längerfristig erhalten.

Veröffentlicht unter Uncategorized | Verschlagwortet mit , , , , , , , , | Kommentar hinterlassen

Der zweite Blick


11.03.2011

Jetzt war ich also glücklich drüber über den Renji Pass mit 5.400 und ein paar Metern. Wieviele, das war mir zu diesem Zeitpunkt herzlich egal. Drüber war ich! Dann, nach einer um Atem ringenden Pause unter dem metallischen Lauten der Dohlen, hebe ich meinen sonst immer vorne übergebeugten, stufenzählenden Kopf und schaue ins weiße Nichts des langsam über den Pass streichenden Nebels.

Da stupst mich Ngima vorsichtig an, „over there, there it is …“ stößt er aufgeregt hervor. In der dünnen Luft denke ich wie durch Honig: „who is where?“ ist meine wenig intelligente Gegenfrage, doch dann begreife ich blitzartig, greife in meine Jackentasche und schieße mit meinem iPhone dieses unbezahlbare Dokument. Es ist jener Moment, an dem ich dem höchsten Berg der Welt zum ersten Mal von Angesicht zu Angesich gegenüber stehe.

Mikrig, unscharf, den Finger im Bild? Ich verbitte mir jegliche Entweihung dieses heiligen Moments. Aber, von wegen heilig, oder so… zumindest erhaben hatte ich ihn mir vorgestellt. Doch bei all der Erschöpfung und Müdigkeit war mir, ehrlich gesagt, jede weitere Erhebung zuwider.

Das mit der Erhabenheit sollte sich auch in den kommenden Tagen nicht wirklich einstellen. Brav marschierte ich vier bis vier einhalb Stunden täglich und arbeitete mich so mehr als 1.000 Höhenmeter vom Berg. Im Hintergrund blitzten immer wieder gewaltige 7.000er auf vor allem die Ama Dablam stellt sich immer wieder in den Weg. Es sind Tage des Gehens und des mit mir ins Reine kommen – Felsrücken um Felsrücken, Steintreppe um Steintreppe tauchen vor mir auf und verschwinden wieder.

Als wieder einmal ein gewaltiges Bergmassiv einfach so den Weg verstellt, frage ich entnervt: und was ist das jetzt schon wieder? „Na er, der Sagarmatha! Der heilige Berg!“ flüstert Ngima. Steht schon gewaltig da, denke ich mir, doch vor Erschaudern, Erfurcht, oder ähnlichen großen Gefühlen wie ich sie in das Bild im Flugzeug hineingeheimnist hatte, war nichts zu spüren.

Und nur, wenn Sie es nicht weitererzählen, den halben Vormittag habe ich die Lhotse Südwand für den Mount Everest gehalten.

P.S.: Der Gipfel des Mount Everest, des höchsten Berges der Welt, ist nicht jener, der am höchsten aussieht, sondern in diesem Fall der mit der Wolkenhaube.

Veröffentlicht unter Uncategorized | Verschlagwortet mit , , , , , , , , | Kommentar hinterlassen

Haute Cuisine


08.03.2011

Unsere Zelte sind jetzt im Basislager des Island Peak auf rund 5.100 Meter ueber Meeresniveau aufgeschlagen. Tsandra, der mich sicher ueber den Renji Pass gleitetet hat, steht jetzt in der Kueche.

Alles sieht hier irgendwie archaisch und improvisiert aus, fuehrt aber zu unglaublichen kulinarischen Hoehenfluegen. Der Herd besteht aus zwei antiquarischen Benzinbrennern, die in zwei leere Blechdosen eingepasst wurden. Auf diesen zischenden und fauchenden Ungetuemen steht ein Druckkochtopf, der es durch keinen TUEV mehr schaffen wuerde, in dem er aber den koestlichen Reis zum nepalesischen Nationalgericht Dahl Bat zaubert.

Fuer alle technisch interessierten: Bei diesem Geraet wird der leicht ovale Deckel in den Topf geschoben und die beiden Griffe ueber ein Widerlager verspannt. Gehalten wird das ganze durch einen Drahtring und als Sicherheitsventil dient ein kleines Gewicht, das auf einer Auslassoeffnung sitzt.

Da auf 5.000 Meter Seehoehe der Luftdruck deutlich geringer ist, notorischen Googlern, oder Wikipedianern sei es unbenommen den genauen Wert nachzuschlagen, ist der Einsatz eines Druckkochtopfs in solchen Hoehen unumgaenglich.

Beginnt der Topf zischend Dampf abzulassen, dann genuegt ein kurzes Schnuppern am ausstroemenden Wasserdampf und der versierte Chef weiss, wann der Reis gar ist.

Sein wahre Faszination entfacht die kleine Zeltkueche aber, wenn Tsandra all die exotischen Gewuerze in der gusseisenen Pfanne anzubraten beginnt. Dann sitzt er auf seinen beiden Wuerstchendosen, mischt Kreuzkuemmel mit Knoblauch und Kurkuma mit unzaehligen Pasten und Gewuerzen aus den vielen unbeschrifteten Plastiksaeckchen.

Virtuos jongliert er vier Toepfe auf zwei Flammen, bei denen es nur eine Leistungsstufe gibt: Vollgas.

Nach nicht einmal einer Stunde gibt es dann: Tomatensuppe mit Knoblauch und Ingwer, Dahl Bat: Himalajareis mit Kartoffelcurry und Linsensuppe und als Nachspeise, warme Mangoscheiben mit Zuckersirup.

Veröffentlicht unter Uncategorized | Verschlagwortet mit , , , , , , , , | 3 Kommentare

Erinnerungen steigen auf …


05.04.2011

Nein. Niemals kommt sie mir ins Bett. NIEMALS hatte ich mir geschworen, als die Antarktisexperten von Extreme World Races ihre Vorzuege gepriesen hatten. So tief wuerde ich nie sinken – und jetzt bin ich kurz davor.

Es ist mitten in der Nacht, ich bin in Thore, auf rund 4.200 Meter Seehoehe. In der Lodge ist es finster, nur die duennen Sperrholzplatten aus denen mein Zimmer zusammengenagelt ist, aechzen. So liege ich wach und kaempfe mit mir und meinem inneren Drang.

„Du bist nicht der erste…“ sagt eine Stimme in meinem Kopf. „Denk an all die Teilnehmer am ‚Wettlauf zum Suedpol‘, denk an Oma und Opa!“

Da habe ich es auf einmal wieder vor mir: Das Zimmer mit der grossen Pendeluhr, zwei Betten mit wuchtigen, dunklen Haeuptern, darueber das Bild, auf dem ein Schutzengel zwei Kinder sicher ueber eine Bruecke geleitet und gegenueber die beiden fast schwarzen Kaesten.

Vor allem ist da aber der Geruch, der mir aus 45 Jahren Vergangenheit in die Nase steigt. Der Geruch vom Nachttopf, dem Nachtscherm, wie sie ihn genannt hatten, der sich unter dem Bett samt seinem Inhalt langsam der Kuehle des Morgens ergab.

Da lag ich nun, einen eiskalten Flur und einen Abstieg von rund 30 Meter im Freien vom naechsten Plumpsklo nepalesischen Zuschnitts entfernt. Nun war mir auch klar, woher meine Aversion gegen die Pinkelflasche kam. Nachdem mir das bewusst geworden war, obsiegte die Angst vor dem Absturz im Finsteren.

Was nun kommt ist nur fuer starke Nerven und ich lege ausdruecklich darauf wert, dass es sich hiebei um Erfahrungswerte von Extreme World Races handelt.

Nichts desto trotzt bin ich der Meinung, dass die Kulturtechnik der fachgerechten Verwendung der Pinkelflasche tradiert gehoert.

Es beginnt so simpel, wie man es sich im Allgemeinen vorstellt: Bei eisigen Temperaturen, wie sie in der Antarktis vorherrschen, einfach im Schlafsack hinknieen, Deckel auf und los geht’s.

Doch schon bald stellt sich, wenn der draengede Strahl in ein leises, glueckliches Glucksen uebergegangen ist, die Frage: Und wann ist Schluss? Gedaempft durch den dicht mit Daunen gefuellten Schlafsack dringt die akustische Kunde der sich schnell fuellenden Flasche nur leise an das Ohr des sich Erleichternden.

Doch keine Angst, auch hiefuer haben die Spezialisten von EWR guten Rat parat. Einen Finger nur ein kleines Stueck weiter in die Flasche ragen lassen und schon kuendet die Waerme vom rasch ansteigenden Fuellstand der Pinkelflasche.

Nun schnell den Deckel drauf, fest verschrauben und es bleiben einem Gerueche wie sie aus meiner Erinnerung aufgestiegen sind erspart.

Nachsatz: Die wohlverschlossene Flasche bis zum naechsten Morgen im Schlafsack lassen, so dient  sie nicht nur als hervorragender Thermophor, sondern ihr Inhalb bleibt auch fluessig, was  das Ausleeren am naechsten Tag erheblich erleichtert.
Denn der gefrorene Inhalt einer Pinkelflasche muss sonst bei tiefen Temperaturen, oder in grossen Hoehen, im Suppen-, oder Teetopf in seinen urspruenglichen Aggregatzustand zurueckversetzt werden, was gravierende Auswirkungen auf die Laune der Mitreisenden haben kann.

Veröffentlicht unter Uncategorized | Verschlagwortet mit , , , , , , , , | 1 Kommentar

Aufstieg durch den Abstieg


03.04.2011

Seit heute sind Lakbah, Ngima und ich ein Team. Lakbah, der Hochtraeger, geht mit seinen 35 Kilogramm auf der Stirn voran, ich stolpere hinterher und der Sherpa Ngima passt auf, dass ich mich nicht verlaufe.

Gluecklicher Weise verzichtet Lakbah darauf in gewohnter Sherpamanier, ungeachtet des Untergrundes und der Steilheit des Gelaendes, davonzustuermen um dann, ausser Sichtweite, wieder zu warten. Ganz im Gegenteil! Schon nach wenigen Stunden scheint er mit einem unsichtbaren Abstandssensor ausgestattet zu sein und nimmt auf all meine Beduerfnisse Ruecksicht.

Oder vielleicht ist er ein Grossmeister in der Interpretation der von mir produzierten Geraeusche: Verzweifeltes Schnaufen wenn es steil bergauf geht, erratisches Klappern mit den Wanderstoecken, wenn er allzu schnell ueber ein Geroellfeld nach unten hastet, oder aus tiefster Seele kommendes Aufatmen, wenn er endlich seine Last absetzt.

Jeder Schritt den wir drei tiefer kommen nimmt eine Last von meiner Brust. Jetzt, nach einigen Tagen der Eingewoehnung, da mich nicht mehr jeder Meter ueber die Massen anstrengt und ein Anstieg nicht automatisch eine Bedrohung darstellt, kann ich das Gehen ploetzlich geniessen.

Der Kopf wird nach Jahren im Hamsterrad zwischen Job und Familie frei – endlich ist Platz fuer neue Gedanken.

Fuerchtet euch! Mir bleiben noch mehr als zwei Monate um mir alles moegliche durch den Kopf gehen zu lassen!

Veröffentlicht unter Uncategorized | Verschlagwortet mit , , , , , , , , | Kommentar hinterlassen