Interreligiöse Grenzerfahrung

DSC00836

Das erste, was mich stutzig werden lässt, ist die große Hitze die von der Masse ausgeht, aber da ist es schon zu spät.

Begonnen hatte alles an einem ganz normalen Morgen in Bangladesch, vielleicht nicht ganz normal, wir waren um 4 Uhr 30 im Stadtzentrum weggefahren um rechtzeitig bei einem der wichtigsten religiösen Feste der Hindus dabei zu sein, der Basanti Puja in Langalband. Spätestens bei der englischen Übersetzung “mass-bath in the Old Brahmaputra” hätte ich hellhörig werden sollen, aber jetzt bin ich hier gefangen.

DSC00851Das Festgelände liegt am Zusammenfluss des Meghna mit dem Brahmaputra, respektive dem früheren Zusammentreffen der beiden Flüsse, nach einem Erdbeben vor rund 200 Jahren hat der Brahmaputra seinen Lauf drastisch geändert, sodass von dem einstig mächtigen Strom hier nur noch ein Rinnsal übrig geblieben ist. Hier werden heute also gläubig Hindus Früchteopfer darbringen und in den Fluss eintauchen um ihre Sünden abzuwaschen.

Menschen mit fehlenden oder verkrüppelten Gliedmaßen säumen den Weg, das flackernde Licht der Öllampen verzerrt die daneben sitzenden Gesichter der als Saraswati, Lakshmi oder Ganesha geschminkten jungen Leute zu Fratzen.

Dann bin ich plötzlich mitten drin. Woher die Menschen alle kommen habe ich nicht mitbekommen nun spüre ich die Hitze die von den verschwitzten Leibern ausgeht. Auf einmal beginnt ein Schieben und Drängen und ich bin binnen weniger Momente nicht mehr Herr meiner Schritte. Ich versuche mich aus dem Ganzen zu befreien, werde aber von der Masse mitgerissen.
Ellbogen drängen gegen meine Hüfte, Schulten bohren sich in meine Brust – ich bin zwar ein bisschen größer als der Durchschnitt der Menschen hier, aber jetzt nur noch Treibgut in einem Meer von Menschen.

Hilflosigkeit und Angst steigt in mir auf, vor mir verschwindet ein junger Mann in der Menge, kurz ist sein brauner Rücken zu sehen, dann schließt sich das Loch schnell wieder, Füße steigen über und schließlich auf ihn. Als ich an ihn herangetrieben werde werfe ich mich mit aller Kraft nach hinten gegen die drängende Masse, für einen Moment stockt das Geschiebe und vor mir taucht der junge Mann aus der Woge aus Menschen auf – glücklich lächelnd hält er seine geretteten Flip Flops in der Hand.

Als mich der Mahlstrom aus Leibern an einer Biegung endlich ausspuckt rinnt mir der Angstschweiß über Gesicht und Nacken.
Eine freundlich lächelnde Frau kommt auf mich zu und malt mir unter dem blechernen “Hare Krishna” Gesang aus völlig übersteuerten, trichterförmigen Lautsprechern einen Punkt aus gemahlenem Sandelholz auf die Stirn und unter den Adamsapfel.

Ab diesem Zeitpunkt achtet Mosche, mein muslimischer Begleiter mit jüdischem Namen darauf, dass dem Atheisten bei der hinduistischen Zeremonie nichts passiert.

Eine interreligiöse Grenzerfahrung eben.

Nachtrag: Am Nachmittag erfahre ich, dass bei dieser Feier mindestens 12 Menschen zu Tode getrampelt wurden.

Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter Uncategorized veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

w

Verbinde mit %s