Der zweite Blick

11.03.2011

Jetzt war ich also glücklich drüber über den Renji Pass mit 5.400 und ein paar Metern. Wieviele, das war mir zu diesem Zeitpunkt herzlich egal. Drüber war ich! Dann, nach einer um Atem ringenden Pause unter dem metallischen Lauten der Dohlen, hebe ich meinen sonst immer vorne übergebeugten, stufenzählenden Kopf und schaue ins weiße Nichts des langsam über den Pass streichenden Nebels.

Da stupst mich Ngima vorsichtig an, „over there, there it is …“ stößt er aufgeregt hervor. In der dünnen Luft denke ich wie durch Honig: „who is where?“ ist meine wenig intelligente Gegenfrage, doch dann begreife ich blitzartig, greife in meine Jackentasche und schieße mit meinem iPhone dieses unbezahlbare Dokument. Es ist jener Moment, an dem ich dem höchsten Berg der Welt zum ersten Mal von Angesicht zu Angesich gegenüber stehe.

Mikrig, unscharf, den Finger im Bild? Ich verbitte mir jegliche Entweihung dieses heiligen Moments. Aber, von wegen heilig, oder so… zumindest erhaben hatte ich ihn mir vorgestellt. Doch bei all der Erschöpfung und Müdigkeit war mir, ehrlich gesagt, jede weitere Erhebung zuwider.

Das mit der Erhabenheit sollte sich auch in den kommenden Tagen nicht wirklich einstellen. Brav marschierte ich vier bis vier einhalb Stunden täglich und arbeitete mich so mehr als 1.000 Höhenmeter vom Berg. Im Hintergrund blitzten immer wieder gewaltige 7.000er auf vor allem die Ama Dablam stellt sich immer wieder in den Weg. Es sind Tage des Gehens und des mit mir ins Reine kommen – Felsrücken um Felsrücken, Steintreppe um Steintreppe tauchen vor mir auf und verschwinden wieder.

Als wieder einmal ein gewaltiges Bergmassiv einfach so den Weg verstellt, frage ich entnervt: und was ist das jetzt schon wieder? „Na er, der Sagarmatha! Der heilige Berg!“ flüstert Ngima. Steht schon gewaltig da, denke ich mir, doch vor Erschaudern, Erfurcht, oder ähnlichen großen Gefühlen wie ich sie in das Bild im Flugzeug hineingeheimnist hatte, war nichts zu spüren.

Und nur, wenn Sie es nicht weitererzählen, den halben Vormittag habe ich die Lhotse Südwand für den Mount Everest gehalten.

P.S.: Der Gipfel des Mount Everest, des höchsten Berges der Welt, ist nicht jener, der am höchsten aussieht, sondern in diesem Fall der mit der Wolkenhaube.

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