Erinnerungen steigen auf …

05.04.2011

Nein. Niemals kommt sie mir ins Bett. NIEMALS hatte ich mir geschworen, als die Antarktisexperten von Extreme World Races ihre Vorzuege gepriesen hatten. So tief wuerde ich nie sinken – und jetzt bin ich kurz davor.

Es ist mitten in der Nacht, ich bin in Thore, auf rund 4.200 Meter Seehoehe. In der Lodge ist es finster, nur die duennen Sperrholzplatten aus denen mein Zimmer zusammengenagelt ist, aechzen. So liege ich wach und kaempfe mit mir und meinem inneren Drang.

„Du bist nicht der erste…“ sagt eine Stimme in meinem Kopf. „Denk an all die Teilnehmer am ‚Wettlauf zum Suedpol‘, denk an Oma und Opa!“

Da habe ich es auf einmal wieder vor mir: Das Zimmer mit der grossen Pendeluhr, zwei Betten mit wuchtigen, dunklen Haeuptern, darueber das Bild, auf dem ein Schutzengel zwei Kinder sicher ueber eine Bruecke geleitet und gegenueber die beiden fast schwarzen Kaesten.

Vor allem ist da aber der Geruch, der mir aus 45 Jahren Vergangenheit in die Nase steigt. Der Geruch vom Nachttopf, dem Nachtscherm, wie sie ihn genannt hatten, der sich unter dem Bett samt seinem Inhalt langsam der Kuehle des Morgens ergab.

Da lag ich nun, einen eiskalten Flur und einen Abstieg von rund 30 Meter im Freien vom naechsten Plumpsklo nepalesischen Zuschnitts entfernt. Nun war mir auch klar, woher meine Aversion gegen die Pinkelflasche kam. Nachdem mir das bewusst geworden war, obsiegte die Angst vor dem Absturz im Finsteren.

Was nun kommt ist nur fuer starke Nerven und ich lege ausdruecklich darauf wert, dass es sich hiebei um Erfahrungswerte von Extreme World Races handelt.

Nichts desto trotzt bin ich der Meinung, dass die Kulturtechnik der fachgerechten Verwendung der Pinkelflasche tradiert gehoert.

Es beginnt so simpel, wie man es sich im Allgemeinen vorstellt: Bei eisigen Temperaturen, wie sie in der Antarktis vorherrschen, einfach im Schlafsack hinknieen, Deckel auf und los geht’s.

Doch schon bald stellt sich, wenn der draengede Strahl in ein leises, glueckliches Glucksen uebergegangen ist, die Frage: Und wann ist Schluss? Gedaempft durch den dicht mit Daunen gefuellten Schlafsack dringt die akustische Kunde der sich schnell fuellenden Flasche nur leise an das Ohr des sich Erleichternden.

Doch keine Angst, auch hiefuer haben die Spezialisten von EWR guten Rat parat. Einen Finger nur ein kleines Stueck weiter in die Flasche ragen lassen und schon kuendet die Waerme vom rasch ansteigenden Fuellstand der Pinkelflasche.

Nun schnell den Deckel drauf, fest verschrauben und es bleiben einem Gerueche wie sie aus meiner Erinnerung aufgestiegen sind erspart.

Nachsatz: Die wohlverschlossene Flasche bis zum naechsten Morgen im Schlafsack lassen, so dient  sie nicht nur als hervorragender Thermophor, sondern ihr Inhalb bleibt auch fluessig, was  das Ausleeren am naechsten Tag erheblich erleichtert.
Denn der gefrorene Inhalt einer Pinkelflasche muss sonst bei tiefen Temperaturen, oder in grossen Hoehen, im Suppen-, oder Teetopf in seinen urspruenglichen Aggregatzustand zurueckversetzt werden, was gravierende Auswirkungen auf die Laune der Mitreisenden haben kann.

Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter Uncategorized abgelegt und mit , , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Eine Antwort zu Erinnerungen steigen auf …

  1. Tom Walek schreibt:

    Heinz sehr mutig – ich kann nur immer wieder aus eigener Erfahrung betonen – ich liebe die “ Pinkelflasche“ Und weiss ja nach 4 Wochen Antarktis wovon ich spreche!!!!! Lg Tom

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s